Dass Kinder vom Staat ins Ausland verschickt werden, ist nichts Neues. Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es die erste Kinderlandverschickung. Vor und im Zweiten Weltkrieg boomte die Kinderlandverschickung – es wurden über 5 Millionen Kinder verschickt.
In den Vorkriegsjahren wurden Kinder unter dem Argument der Erholungsverschickung in andere Länder verschickt, in den Kriegsjahren sollten es Evakuierungsmaßnahmen zum Schutz der Kinder sein. Historische Belege beweisen, dass es bei Kinderlandverschickungen darum ging, die Kinder politisch zu erziehen und sie einer nationalsozialistischen Erziehung zuzuführen.
Die Kinder wurden unter dem Deckmantel „Wohl des Kindes“ aus der Obhut der Eltern genommen und in Umerziehungslager verbracht.
So lief die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg
Auswahlverfahren der Teilnehmer
Es wurden nur gesunde Kinder in die KLV-Lager verschickt. Vor der Kinderlandverschickung wurden Kinder einer schulärztlichen Untersuchung unterzogen und durch Lehrer befragt. Schwer erziehbare, asoziale, kranke Kinder und Jüdische Mischlinge wurden nicht verschickt.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs soll die Reichsdienststelle KLV über 2 Millionen Kinder verschickt haben und etwa 850.000 Schüler in KLV-Lagern versorgt haben.
Erziehung im KLV-Lager
Kinder wurden bei der Kinderlandverschickung im KLV-Lager erzogen, Mütter in der Erweiterten Kinderlandverschickung zum Arbeiten geschickt. Ziel der Lagererziehung war es, individuelle Erziehung der Eltern abzulösen und eine Formationserziehung sicher zu stellen – einhergehend mit uniformierter Kleidung und nationalsozialistischer Erziehung.
Zum Nationalsozialisten wird man durch Lager und Kolonne! (Bernhard Rust, 1934, Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung)
Eltern wehrten sich
Propagandist wurden Erholungswert, ungestörte Nachtruhe und gute Ernährung, Entlastung der familiären Haushaltskasse. In einem SD-Bericht wird am 25. Oktober 1943 beklagt, dass „trotz aller Werbeaktionen“ Eltern sehr stark die Kinderlandverschickung ablehnten.
Schon damals war den Eltern bewusst, dass die Trennung eine Entfremdung erzeuge und sie beanstandeten, dass die Entfernung zu den KLV Lagern zu weit weg seien. So könnten Eltern ihre Kinder nicht besuchen. Tatsächlich gab es Kontaktsperren, Umgansverbote und Besuchsverbote.
Kinderlandverschickung „freiwillig“
Zunächst war die Teilnahme an der Kinderlandverschickung auf freiwilliger Basis. Eltern mussten zustimmen oder ausdrücklich Einspruch erheben. Im Juni 1943 erließ Baldur von Schirach einen Erlass, der anordnete, geschlossene Schulklassen zu verschicken. Mit diversen Repressalien wurden zudem Eltern gefügig gemacht, der Kinderlandverschickung zuzustimmen. Schirach wurde 1946 zu 20 Jahren Haft verurteilt wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.
Rückführung der Kinder
Historischen Aufzeichnungen zufolge soll es bei der Rückführung der Kinder chaotisch zugegangen sein. Organisationsstrukturen gab es kaum mehr, Kinder (ähnlich wie Dave Möbius) flogen aus Heimen und machten sich alleine auf den Heimweg, Eltern konfrontierten das Jugendamt mit Vorwürfen und Drohungen, viele Kinder kehrten nicht mehr nach Hause.
Zahlen zur Kinderlandverschickung
Viele Informationen und Fakten sind der Quelle Wikipedia entnommen. Da die meisten Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg vernichtet sind, gibt es kaum zuverlässige Daten. Angaben, wie viele Kinder durch die Kinderlandverschickung von den Eltern getrennt wurden, basieren teilweise auf verbliebenen Aufzeichnungen, Berichten von Zeitzeugen und Schätzungen.
Um sich am Smartphone die Tabelle besser anschauen zu können, halten Sie das Handy quer und wischen nach rechts.
Jahr/Zeitraum | Anzahl verschickter Kinder | Zuständigkeit | betraf hauptsächlich Kinder im Alter von/bis |
---|---|---|---|
Ende 19. Jhdt. | k. A. | k. A. | k. A. |
1916 | k. A. | Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder | k. A. |
1923 | 488.000 | k. A. | k. A. |
ab 1933 | k. A. | Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) sowie Wohlfahrtsorganisationen | k. A. |
ab 1934 | jährlich 650.000 | k. A. | Kinder bis 14 Jahre |
ab 1940 | über 2.000.000 | Reichsdienststelle KLV, auch die Hitlerjugend (HJ) | Kinder unter 10 Jahren |
ab 1940 | 850.000 | k. A. | 10-14 Jahre, manchmal auch ältere Kinder |
bis 1941 | 300.000 | Erweiterte Kinderlandverschickung, zuständig NSV (Kinder bis 4. Schulklasse), HJ (Kinder ab 5. Schulklasse) | alle Kinder |
Februar 1941 | 320.000 | laut dieser Quelle: http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=939&m=927&open=939 | k. A. |
Ende März 1941 | 412.908 | " | k. A. |
Mitte 1941 | 619.000 | " | k. A. |
Ende 1941 | ca. 85.000 | k. A. | k. A. |
1942 | 50.000 | k. A. | k. A. |
1942 | 202.000 Mütter mit 347.000 Kindern | Nationalsozialistische Volkswohlfahrt | zunächst 1-3, später 1-6 Jahre alte Kinder |
bis 1943 | komplette Schulen wurden verlegt | Hitlerjugend Reichsjugendführung Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Nationalsozialistische Volkswohlfahrt Nationalsozialistischer Lehrerbund | k. A. |
bis Herbst 1944 | 800.000 | laut dieser Quelle: http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=939&m=927&open=939 | k. A. |
unmittelbar vor Kriegsende | nochmals 850.000 | laut dieser Quelle: http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=939&m=927&open=939 | k. A. |
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